Foto Henning2

Interview mit dem CGB Bundesvorsitzenden Henning Röders: Arbeitszeitflexibilisierung und Fachkräftesicherung im Diskurs

Redaktion: Herr Röders, die Forderungen der Arbeitgeberverbände nach einer grundlegenden Reform des Arbeitszeitgesetzes werden immer lauter. In einem aktuellen Gespräch mit der parlamentarischen Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium, Frau Connemann, wurde diese Thematik erneut forciert. Wie bewerten Sie die Bestrebungen, den gesetzlichen Rahmen zugunsten einer stärkeren Flexibilisierung aufzubrechen?

Henning Röders (CGB): Frau Connemann vertritt hier die klassische Position des Wirtschaftsministeriums: Sie sieht in der Flexibilisierung der Wochenarbeitszeit eine existenzielle Überlebensfrage für das Handwerk und die Gastronomie. Wir stehen dieser Entwicklung jedoch äußerst skeptisch gegenüber. Eine Ausweitung auf 12- oder 13-Stunden-Arbeitstage lehnen wir entschieden ab. Solche Arbeitszeiten führen zwangsläufig dazu, dass die notwendigen Erholungsphasen unterschritten werden.

Redaktion: Interessanterweise ist das Arbeitszeitgesetz in seinen Grundzügen seit Jahrzehnten stabil. Wenn wir die 1980er, 1990er und die frühen 2000er Jahre betrachten, schienen die Betriebe unter exakt diesen Bedingungen funktionsfähig zu sein. Warum wird die gesetzliche Regelung heute als Hindernis dargestellt, während sie früher offenbar kein Problem war?

Henning Röders (CGB): Das ist der entscheidende Punkt in der Debatte. Das Gesetz ist nicht vom Himmel gefallen, sondern hat sich über Jahrzehnte bewährt. In den 80er und 90er Jahren war es für Bäckereien unter denselben rechtlichen Bedingungen völlig unproblematisch, nachts um 03:00 Uhr oder 04:00 Uhr mit der Arbeit zu beginnen. Auch die Sonntagsöffnungszeiten im Bäckerhandwerk oder späte Wochenenddienste in der Gastronomie ließen sich personell abdecken. Damals war jedoch die wirtschaftliche Nachfrage nach diesen Dienstleistungen höher und – was noch wichtiger ist – die Arbeitsbedingungen wurden von den Menschen akzeptiert. Das Problem ist also nicht eine mangelnde gesetzliche Flexibilität, sondern die gesunkene Attraktivität der Rahmenbedingungen unter den aktuellen gesellschaftlichen Vorzeichen.

Redaktion: Das bedeutet, der Fachkräftemangel ist aus Ihrer Sicht kein Resultat starrer Gesetze, sondern ein Spiegelbild veränderter Prioritäten auf dem Arbeitsmarkt. Warum lassen sich junge Menschen heute kaum noch für diese Branchen gewinnen?

Henning Röders (CGB): Die Analyse zeigt, dass die Branche nicht mehr mit den Lebensentwürfen vor allem junger Fachkräfte harmoniert. Der „Hase im Pfeffer“ liegt in der mangelnden Standortattraktivität der Betriebe. So ist ein Arbeitsbeginn um 04:00 Uhr morgens in einer Bäckerei ist für viele Nachwuchskräfte im Vergleich zu anderen Berufsfeldern kaum noch vermittelbar. Zudem steht die Gehalts- und Lohnstruktur steht in vielen Betrieben in einer Diskrepanz zur hohen zeitlichen und körperlichen Belastung.

Redaktion: Abschließend gefragt: Wenn Sie eine Deregulierung des Arbeitszeitgesetzes ablehnen, welchen Weg müssen die betroffenen Branchen dann einschlagen, um personell wieder handlungsfähig zu werden?

Henning Röders (CGB): Anstatt den gesetzlichen Schutzrahmen zu schwächen, müssen die Branchen die Attraktivität ihrer Arbeitsplätze erhöhen. Wer unter Fachkräftemangel leidet, muss aktiv auf potentielle Interessenten zugehen und die Gehalts- und Lohnbedingungen verbessern. Die Lösung liegt in der Aufwertung der Arbeit, nicht in der Ausweitung der Arbeitszeit. Nur durch bessere Bedingungen lässt sich die Bereitschaft erhöhen, auch zu Randzeiten oder an Wochenenden tätig zu sein.

Redaktion: Wir danken Henning Röders herzlich für dieses Gespräch und die klaren Worte zur Verteidigung der Arbeitnehmerrechte.

Comments are closed.