Vom 6. bis 7.November 2026 findet in Dresden der 23.ordentlichen Bundesgewerkschaftstag der Berufsgewerkschaft DHV statt. Er steht unter dem Motto „Arbeitswelt gestalten – Soziale Sicherheit erhalten!“. Der DHV-Landesverband Niedersachsen-Bremen, der kürzlich mit dem Landesverband Hamburg – Schleswig-Holstein fusionierte, wird auf dem Bundesgewerkschaftstag von einer Delegation unter Führung des Bremer CGB-Landesvorsitzenden Peter Rudolph vertreten, der bereits mehr als 50 Jahre DHV-Mitglied ist und die Gewerkschaft u.a. lange Jahre in der Vollversammlung der Arbeitnehmerkammer Bremen sowie in der Vertreterversammlung der Verwaltungsberufsgenossenschaft (VBG) vertreten hat.
Der alle vier Jahre stattfindende Gewerkschaftstag startet am Freitag mit Gremiensitzungen. Im Mittelpunkt der Delegiertentagung am Samstag stehen Regularien wie Rechenschaftsberichte, Vorstandswahlen und die Antragsberatung. Den Delegierten liegen u.a. Anträge des DHV-Hauptvorstandes vor, in denen die Abkehr von der täglichen Höchstarbeitszeit sowie die von der Bundesregierung vorgesehenen erweiterten Möglichkeiten für sachgrundlose Befristungen abgelehnt werden und die Einführung eines digitalen Tarifbindungsregisters gefordert wird. Bei den sozialpolitischen Anträgen stehen Anträge zur Pflege- und Rentenversicherung im Mittelpunkt. Kontroverse Diskussionen verspricht insbesondere ein Antrag des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen, in dem ein einheitliches Rentensystem für alle Erwerbstätigen nach österreichischem Model gefordert wird.
Auf Antrag des fusionierten Landesverbandes DHV – Der Landesverband im Norden wird sich der Gewerkschaftstag mit der Forderung nach einer Trennung von Aufenthaltsrecht und Sozialleistungsrecht befassen, mit der der Gesetzgeber aufgefordert wird, den Zugang zu beitrags- und steuerfinanzierten Sozialleistungen stärker an Integrations- und Eigenleistungsanforderungen zu knüpfen. In weiteren Anträgen des Landesverbandes wird die Schaffung einer verpflichtenden finanziellen Absicherung von Elementarschäden, wie sie in Frankreich seit vielen Jahren kostengünstig besteht, sowie die Sicherstellung einer gesetzlichen Annahmepflicht für Bargeldzahlungen gefordert.
Bei den Vorstandswahlen stehen vier Mitglieder des fünfköpfigen Hauptvorstandes zur Wiederwahl an. Als Vorsitzender kandidiert erneut der 58-jährige Schweriner Volljurist Henning Röders, der im vergangenen Jahr auch an die Spitze des Christlichen Gewerkschaftsbundes (CGB), des Dachverbandes der christlichen Gewerkschaften, gewählt wurde. Röders ist auch Vorstandsmitglied der CDA-CGB-Bundesarbeitsgemeinschaft und Mitglied der Vertreterversammlung der Verwaltungsberufsgenossenschaft (VBG). Als seine Stellvertreterin kandidiert erneut die 50-jährige Berlinerin Anne Kiesow. Zur Wiederwahl steht weiterhin der Vorsitzende der DHV-Betriebsgruppe bei der DAK Gesundheit Jörg Steinbrück. Aus dem Bereich des bisherigen Landesverbandes Niedersachsen-Bremen tritt erneut der Konzernbetriebsratsvorsitzende der Versicherungsgruppe TALANX AG, der 60jährige Hannoveraner Matthias Rickel, zur Wahl an.
Zur DHV-Historie: Die Berufsgewerkschaft DHV wurde am 07.09.1893 in Hamburg als Deutschnationaler Handlungsgehilfen-Verband gegründet und ist damit die älteste Berufsgewerkschaft für Handels- und Dienstleistungsberufe -vormals Angestellte- in Deutschland. Sie steht für Sozialpartnerschaft statt Klassenkampf. Leitmotiv der gewerkschaftlichen Arbeit der DHV sind seit ihrer Gründung die Prinzipien der christlichen Soziallehre: Personalität, Solidarität und Subsidiarität. Die DHV hat nie nur Forderungen gestellt, sondern selbst maßgeblich an der Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der von ihr vertretenen Berufsgruppen mitgewirkt. So zählt die heutige DAK Gesundheit die vom DHV 1898 gegründeten „Deutschnationale Kranken- und Begräbniskasse“ zu ihren Gründungspfeilern und die „DHV-Versicherung gegen Stellenlosigkeit für Handlungsgehilfen“ ist ein Vorläufer der Agentur für Arbeit. Die vormalige „Gagfah – Gemeinnützige Gesellschaft für Angestellten-Heimstätten“, seit 2015 Teil der Vonovia, wurde 1918 unter maßgeblicher Beteiligung des DHV gegründet.
Nach Gleichschaltung und Verbot während der NS-Zeit wurde die DHV nach Wiederherstellung der deutschen Souveränität zum 1.10.1950 wiedergegründet. Mit Entscheidung des Bundesarbeitsgerichts wurde der DHV am 22.06.2021 die Tariffähigkeit aberkannt. Diese Entscheidung hält die DHV für einen verfassungswidrigen Eingriff in ihr Grundrecht als Arbeitnehmerkoalition und in die Grundrechte Ihrer Mitglieder, sich einer tariffähigen Arbeitnehmerkoalition ihrer Wahl anzuschließen! Nach dem eine Verfassungsbeschwerde der DHV gegen das BAG-Urteil nicht zur Entscheidung angenommen wurde, hat die DHV 2022 Beschwerde vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMT) erhoben, die zur Entscheidung angenommen wurde. Die Annahme der Beschwerde war ein Etappensieg für die DHV, denn nur rund vier Prozent der Beschwerden werden zur Entscheidung angenommen.
Die fehlende Befugnis zum Abschluss von Tarifverträgen bedeutet zwar eine Einschränkung der gewerkschaftlichen Handlungsmöglichkeiten, hält die DHV aber nicht davon ab, weiterhin engagierte und erfolgreiche Interessenvertretung für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu betreiben. Auch auf internationaler Ebene ist die DHV hier aktiv. Sie ist Mitglied der World Organisation of Workers (WOW), einer internationalen Vereinigung von christlichen Gewerkschaften und Arbeitnehmerorganisationen. Über die Mitgliedschaft des CGB in der Europäischen Union unabhängiger Gewerkschaften (CESI) kann die DHV weiterhin Einfluss auf die Meinungsbildung im Rahmen des sozialen Dialogs und der Konsultationen der Sozialpartner durch die EU-Kommission nehmen.
