LANDESVERBANDSTAG DES DHV MITTELDEUTSCHLAND: BILDUNG, TARIFARBEIT UND BETRIEBLICHE PRÄSENZ IM FOKUS

Der Landesverbandstag des DHV Mitteldeutschland fand im Hofgut Alt-Mörbitz bei Leipzig statt. Mitglieder aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, Vertreter des Landesvorstandes sowie Gäste des Hauptvorstandes des DHV – Die Berufsgewerkschaft e. V. kamen zusammen, um den Landesvorstand Mitteldeutschland zu Wählen und um Bilanz zu ziehen, aktuelle Herausforderungen zu bewerten und die strategische Ausrichtung des Landesverbandes für die kommenden Jahre festzuhalten.

Unter dem Motto „Wir machen weiter – gemeinsam stärken wir den DHV“ eröffnete der Landesvorsitzende Sebastian Gräfe die Veranstaltung. In den Berichten des Landesvorstandes und des Geschäftsführers wurde deutlich: Trotz der tiefgreifenden Einschnitte infolge des BAG-Urteils und der damit verbundenen strukturellen und mitgliederbezogenen Herausforderungen ist der DHV Mitteldeutschland handlungsfähig geblieben und hat seinen Kurs konsequent gehalten.

Stabilität in bewegten Zeiten

Die vergangenen Jahre waren geprägt von Unsicherheiten, Mitgliederverlusten und erheblichem Gegenwind. Dennoch ist es dem Landesverband gelungen, die Werte des DHV zu verteidigen, seine Handlungsfähigkeit zu sichern und neue Perspektiven zu eröffnen. Die enge Zusammenarbeit zwischen Ehren- und Hauptamt, die klare strategische Ausrichtung sowie die Nähe zu den Mitgliedern erwiesen sich dabei als entscheidende Erfolgsfaktoren.

Tarifarbeit – tragende Säule der Gewerkschaftsarbeit

Die Tarifarbeit bleibt auch künftig der zentrale Kompass der Arbeit des DHV Mitteldeutschland. Der DHV verfolgt dabei bewusst einen eigenständigen Ansatz: Tarifverhandlungen werden nicht als Konfrontation verstanden, sondern als gemeinsamer Prozess zur Entwicklung nachhaltiger und verlässlicher Lösungen für Beschäftigte und Arbeitgeber.

In den vergangenen Jahren standen unter anderem Tarifverhandlungen und -überarbeitungen bei der AWO Thüringen, dem DRK Thüringen sowie weiteren DRK-Kreisverbänden im Mittelpunkt. Zahlreiche Einrichtungen arbeiteten an der Anpassung von Manteltarifverträgen und Entgeltstrukturen. Hervorzuheben ist ein herausragender Erfolg aus dem Jahr 2021: Eine Lohnerhöhung von zehn Prozent für rund 10.000 Beschäftigte sowie die Einführung einer festen Sonderzahlung in Höhe von 65 Prozent des Grundgehalts – ein Meilenstein der Tarifarbeit im Landesverband.

Ein weiterer wichtiger Schritt war die erfolgreiche Umsetzung des Anschlusses an den TVöD für AWO und DRK, der auf Forderungen aus dem Jahr 2019 zurückging und 2024 realisiert werden konnte. Die etablierten Tarifkommissionen leisteten hierbei einen entscheidenden Beitrag und ermöglichten 2025 die Überführung in neue Tarifsysteme, die den Beschäftigten langfristige Planungssicherheit bieten.

Sichtbarkeit durch Öffentlichkeitsarbeit

Neben der Tarifarbeit setzte der Landesverband verstärkt auf Öffentlichkeitsarbeit. Der DHV Mitteldeutschland war auf Berufs- und Jobmessen, beim Tag der Sachsen sowie bei betrieblichen Informationsveranstaltungen präsent. Mit klaren Positionen, sichtbaren Aktionen und direkter Ansprache wurde der DHV als verlässlicher Ansprechpartner für Beschäftigte und Betriebsräte wahrgenommen.

Betriebsratsbetreuung – Fundament der täglichen Arbeit

Die Betreuung der Betriebsräte bildet das Herzstück der Arbeit des DHV Mitteldeutschland. Unterstützt werden sowohl kleine örtliche Betriebsräte als auch große Gesamtbetriebsräte mit mehreren tausend Beschäftigten. Die Arbeit reicht von der Teilnahme an Betriebs- und Personalratssitzungen über Betriebsversammlungen bis hin zu intensiver individueller Beratung – persönlich vor Ort, telefonisch, schriftlich oder per Videokonferenz.

Ein besonderer Dank galt dem langjährigen Engagement von Manfred Werske, dessen Einsatz insbesondere an den Arbeitsgerichten in Chemnitz, Magdeburg, Erfurt und Leipzig maßgeblich zu zahlreichen Erfolgen beigetragen hat. Erzielte Vergleiche, gesicherte Arbeitsplätze und Abfindungen in erheblicher Höhe unterstreichen die Wirksamkeit dieser Arbeit.

Bildungsarbeit – stärkster Motor des Landesverbandes

Die Bildungsarbeit des DHV wird in den kommenden Jahren gezielt weiter ausgebaut und strategisch neu ausgerichtet. Der DHV plant, insbesondere in Mitteldeutschland und Bayern das Schulungsangebot sowohl für Betriebsräte als auch für Führungskräfte deutlich zu erweitern.

Inhaltlich sollen neben bewährten Grundlagen- und Aufbauseminaren verstärkt zukunftsorientierte Themen in den Mittelpunkt rücken. Dazu zählen insbesondere:

  • Künstliche Intelligenz und deren praktische Anwendung im betrieblichen Alltag
  • Psychische Gesundheit, Prävention und Resilienz am Arbeitsplatz
  • Kommunikation, Führung und Konfliktmanagement

Ein besonderer Fokus liegt dabei auf Bayern. Dort sollen die Ursachen hoher Krankenstände, insbesondere in den Bereichen Logistik, Metallverarbeitung, Handel und Gesundheitswesen, fundiert analysiert und praxisnah aufgearbeitet werden. Ziel ist es, Führungskräfte und Betriebsräte gleichermaßen zu befähigen, gesundheitsfördernde Strukturen zu entwickeln, Fehlzeiten zu reduzieren und nachhaltige Arbeitsbedingungen zu schaffen.

Die Schulungsangebote werden praxisnah konzipiert und verbinden rechtliche Grundlagen mit anwendungsorientierten Lösungsansätzen. Damit positioniert sich der DHV auch künftig als starker Bildungspartner für eine moderne, gesunde und zukunftsfähige Arbeitswelt.

Betriebsratswahlen und Projekte

In den Jahren 2024 bis 2026 begleitet der DHV –  Landesverband Mitteldeutschland zahlreiche Betriebsrats- und JAV-Wahlen, Betriebsversammlungen , Betriebsrätekonferenzen sowie Betriebsratssitzungen unter anderem bei EDEKA/DISKA, der AWO – Thüringen sowie in verschiedenen DRK- und Handelsbetrieben.

Ausblick

Der Landesverbandstag machte deutlich, dass der DHV Mitteldeutschland auch künftig auf drei starke Säulen setzt: eine verlässliche Hilfestellung bei der Tarifarbeit in allen betreuten Branchen, eine intensive Bildungsarbeit und eine enge, persönliche Betreuung der Mitglieder und Betriebsräte. Mit dieser klaren Ausrichtung wird der DHV Mitteldeutschland die Interessen der Beschäftigten auch in Zukunft wirkungsvoll vertreten.

Zum Abschluss wünscht der DHV allen eine besinnliche Weihnachtszeit sowie Ruhe und Erholung nach einem erfolgreichen Jahr 2026

 

 

 

Wandel im Handel – DHV Mitteldeutschland zu Gast bei der jährlichen Hornbach-Betriebsrätekonferenz

Am 2. Dezember 2025 durfte die DHV Mitteldeutschland erneut an der Betriebsrätekonferenz der Hornbach Baumarkt AG teilnehmen – gemeinsam mit rund 150 Betriebsrätinnen und Betriebsräten aus ganz Deutschland. Für uns war es eine besondere Ehre und ein Moment des Stolzes, bei einem Unternehmen vertreten zu sein, das mit über 25.000 Beschäftigten zu den größten Arbeitgebern im Handel zählt und sich in diesem Jahr einmal mehr als Treiber eines tiefgreifenden Wandels präsentiert hat.

Digitalisierung im Handel – Chancen statt Belastung

Während viele Handelsunternehmen vor Digitalisierung und KI zurückschrecken, setzt Hornbach auf ein anderes Modell:
Technik soll entlasten, nicht zusätzlich belasten.

In der Versammlung wurden Programme vorgestellt, die Arbeitsabläufe vereinfachen, Prozesse beschleunigen und den körperlichen sowie psychischen Stress spürbar reduzieren. Aus Sicht der DHV ist das ein wichtiger Schritt, denn Digitalisierung darf nur dann „innovativer Fortschritt“ heißen, wenn sie bei den Beschäftigten ankommt.

Starke Betriebsräte sichern Mitbestimmung

Ein besonderer Dank gilt dem Gesamtbetriebsrat der Hornbach Baumarkt AG und vor allem den Vorsitzenden des GBR sowie den über 100 engagierten Betriebsrätinnen und Betriebsräten in den einzelnen Märkten, Logistikzentren und Kunden-Service-Centern. Ihr täglicher Einsatz stellt sicher, dass der technologische und strukturelle Wandel im Unternehmen nicht „von oben herab“, sondern im Sinne echter Mitbestimmung gestaltet wird.

Die enge und konstruktive Zusammenarbeit zwischen Unternehmensführung und Arbeitnehmervertretungen ist bei Hornbach vorbildlich – und ein deutliches Zeichen dafür, dass gelebte Sozialpartnerschaft auch in Zeiten großen Wandels möglich ist.

Mit Blick auf die BR-Wahlen 2026 wünscht die DHV allen Betriebsrätinnen und Betriebsräten viel Erfolg, eine starke Wahlbeteiligung und Rückenwind für ihre wichtige Arbeit. Wir freuen uns zugleich auf die mögliche Erweiterung um zwei zusätzliche Betriebsratsgremien in der Fläche, die die Mitbestimmung im Unternehmen weiter stärken werden. 

Großes Benefit-Paket – und weitere Verbesserungen angekündigt

Besonders positiv fiel das breite Paket an Benefits auf: Gesundheitsangebote, finanzielle Vorteile, Weiterbildungsprogramme und moderne Modelle der Arbeitszeitgestaltung sind nur einige Beispiele für das Innovative Programm bei Hornbach.
Die Unternehmensleitung kündigte zudem weitere Verbesserungen an – ein klares Bekenntnis zur Wertschätzung der Mitarbeitenden.

Ost-West-Gerechtigkeit bleibt Thema

Wie bereits in der Rede 2024 betont, ist die Angleichung der Arbeitsbedingungen zwischen Ost und West ein zentraler Punkt der DHV. Noch immer sind Belastungen im Osten höher, Strukturen schwächer und Krankenstände überdurchschnittlich.

Doch Hornbach sendet ein wichtiges Signal:
Man arbeitet an mehr Gerechtigkeit – Schritt für Schritt, aber spürbar. 

Hornbach „For Future“ – die Zukunft gemeinsam gestalten

Mit dem Zukunftskonzept „Hornbach For Future“ setzt das Unternehmen ein starkes Zeichen für Innovation, Digitalisierung, Verantwortung und echte Mitarbeiterorientierung. Ein zentraler Bestandteil dieses Ansatzes ist die aktive Beteiligung aller Beschäftigten – denn Zukunft wird bei Hornbach nicht nur geplant, sondern gemeinsam gestaltet.

Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem Thema Künstliche Intelligenz. Das breite und komplexe Feld der KI wird im Unternehmen durch ausgewiesene Expertinnen und Experten des Tech-Teams von Hornbach verständlich und praxisnah vermittelt. In regelmäßigen Gesprächen schaffen sie Bewusstsein für Chancen und Risiken, geben Orientierung und unterstützen die Kolleginnen und Kollegen dabei, neue Technologien sicher und sinnvoll in ihren Arbeitsalltag zu integrieren.

Dieses Engagement begrüßt auch die DHV Mitteldeutschland, die zugleich auf ihre Seminarreihen zur Kommunikation, Konfliktbewältigung und zum Umgang mit neuen technologischen Entwicklungen verweist.

Das Wirken des Tech-Teams zeigt deutlich: Bei Hornbach stehen die Menschen im Mittelpunkt – und technische Innovation wird immer so gestaltet, dass sie den Beschäftigten echten Mehrwert bietet.

Im Rahmen von „Hornbach For Future“ werden zudem zahlreiche nachhaltige Maßnahmen umgesetzt. Mitarbeitende können künftig ihre Jobbikes und Elektrofahrzeuge auf Hornbach-Parkplätzen in ganz Deutschland laden – selbstverständlich zu einem attraktiven Vorteilspreis. Die Vorteilswelt für Hornbach-Mitarbeitende ist in der Branche einzigartig und stärkt die Wertschätzung gegenüber allen, die das Unternehmen täglich mitgestalten.

Mit einem breit angelegten Programm rund um erneuerbare Energien, innovativen Produkten, einem umfangreichen Sortiment sowie vielfältigen Dienstleistungen zeigt Hornbach eindrucksvoll, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen und Zukunft aktiv zu leben.

Ein Blick zurück: Otmar Hornbach 1998

Bereits 1998 betonte Otmar Hornbach vor Marktmanagern:

„Wir können Märkte bauen – aber ohne Menschen bleibt alles nur Beton und Kabel. Zukunft entsteht durch Haltung.“

Diese Haltung prägt das Unternehmen bis heute – und war auf der Versammlung in jeder Phase deutlich spürbar. 

Fazit

Hornbach zeigt: Es geht auch anders: Digitalisierung mit Herz, Benefits mit Substanz, Mitbestimmung mit Wirkung – und ein klarer Wille zu fairen Bedingungen.

Für die beiden entsendeten Vertreter des DHV – Die Berufsgewerkschaft e.V. war es eine rundum gelungene Veranstaltung, bei der sie die Entwicklung erneut aktiv begleiten durften.

In aufschlussreichen Gesprächen trafen sie auf vielfältige Menschen aus den unterschiedlichsten Arbeitsbereichen. Dabei wurde deutlich, dass Arbeitgeber und Beschäftigte bei Hornbach stets auf Augenhöhe agieren.

Besonders die Bildungsarbeit und regelmäßigen Schulungen, nicht zuletzt durch die Betriebsräte, stellen einen wichtigen Baustein des Hornbach-Fundaments dar, der auch 2026 – getragen von den BR- Wahlen – weiterhin maßgeblich wirken wird.

Hierbei hat die DHV in Vertretung durch Herr Gräfe / Geschäftsführer DHV –Mitteldeutschland seine Unterstützung durch fachliche Expertise und individuell zugeschnittene Seminare angeboten.

Zum Abschluss wünscht der DHV allen eine besinnliche Weihnachtszeit sowie Ruhe und Erholung nach einem erfolgreichen Jahr 2025.

 

CGB BEGRÜSST KASSENKLAGEN GEGEN DEN BUND

Der CGB kritisiert seit langem, dass der Bund den Sozialversicherungsträgern die Kosten für von ihm veranlasste versicherungsfremde Aufwendungen nur teilweise erstattet. Dies gilt auch für die gesetzlichen Krankenkassen, die vom Gesetzgeber mit der gesundheitlichen Versorgung von Bürgergeldempfängern beauftragt wurden, hierfür aber nur eine nicht kostendeckende Kopfpauschale von aktuell 133,17 Euro monatlich erhalten. Nach einem vom GKV-Spitzenverband veranlassten Gutachten deckt diese Pauschale nur ca. ein Drittel der tatsächlichen Kosten, die für die Versorgung der Bürgergeldempfänger anfallen. Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen geht von 10 Mrd. Euro aus, die den Krankenkassen vom Bund somit jährlich vorenthalten werden. Würde der Bund den Kassen diese 10 Mrd. Euro zahlen, bedürfte es für 2026 keiner Steigerung der Krankenkassenbeiträge. Tatsächlich zeigt der Bund bislang aber keine Bereitschaft, den Erstattungsforderungen der Krankenkassen und ihres Spitzenverbandes nachzukommen. Daher hat der Verwaltungsrat des GKV-Spitzenverbandes den Grundsatzbeschluss gefasst, im Auftrag und im Namen der Krankenkassen gegen die unzureichende Finanzierung der Gesundheitsversorgung von Bürgergeldbeziehenden zu klagen. Grundlage der ersten Klagen, die zwischenzeitlich beim Landessozialgericht Nordrhein-Westfalen eingereicht wurden, sind die seit letztem Monat vom Bundesamt für Soziale Sicherung (BAS) an die Krankenkassen verschickten Bescheide über die Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds für das Jahr 2026. Nach Auffassung von Krankenkassen und GKV liegt ein Verstoß des Bundes gegen die Finanzautonomie der Krankenkassen sowie gegen die strenge Zweckbindung von Sozialversicherungsbeiträgen vor, die nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts nicht zur Finanzierung gesamtgesellschaftlicher Aufgaben verwendet werden dürfen.

Der Vorstandsvorsitzende der DAK-Gesundheit, Andreas Storm, hat angekündigt, dass auch seine Kasse gegen den Zuweisungsbescheid aus dem Gesundheitsfonds für das Jahr 2026 klagen wird. Für den CGB beachtenswert ist, dass Storm nicht nur Kassenfunktionär ist, sondern auch CDU-Mitglied mit Erfahrungen in herausgehobenen politischen Ämtern. So war er u.a. von 2009 bis 2011 beamteter Staatssekretär beim Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung (BMAS) und von 2012 bis 2014 Saarländischer Minister für Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie.

Weitere Krankenkassen haben ebenfalls Klagen gegen ihre Zuweisungsbescheide aus dem Gesundheitsfonds angekündigt. Der Bremer CGB erwartet, dass sich auch die Bremer Handelskrankenkasse der zu erwartenden Klagewelle anschließen wird. Er begrüßt die Kassenklagen gegen den Bund und hofft im Interesse der Kassen und der Versicherten auf schnelle Gerichtsentscheidungen.

Der CGB verweist weiter darauf, dass unzureichende Erstattungen für versicherungsfremde Leistungen nicht nur für die Krankenversicherung ein großes finanzielles Problem darstellen, sondern auch für die Pflegeversicherung. Statt der zugesagten 5,3 Mrd. Euro für Aufwendungen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie wurde der Pflegeversicherung über den Bundeshaushalt zur Vermeidung neuerlicher Beitragserhöhungen im Jahre 2026 lediglich ein überjähriges Darlehen in Höhe von 3,2 Mrd. Euro eingeräumt. Berücksichtigt man weiterhin, dass die Pflegeversicherung jährlich rd. 4 Mrd. Euro an Rentenversicherungsbeiträgen für pflegende Angehörige aufwenden muss, die ihr nicht erstattet werden, wäre bereits die zu Beginn des Jahres erfolgte Beitragserhöhung nicht notwendig gewesen

Kommentar eines christlichen Gewerkschafters – kritisch gegenüber Bärbel Bas

Es gehört zum Grundhandwerk einer Arbeitsministerin, zwischen Arbeitnehmer-Interessen und wirtschaftlicher Realität abzuwägen. Genau deshalb irritiert die jüngste Rhetorik von Bärbel Bas so sehr. Denn wer Sozialpartnerschaft stärken will, darf sie nicht mit unnötiger Polemik beschädigen. 

  1. Kampfbegriffe helfen niemandem – und schon gar nicht den Beschäftigten

Frau Bas schilderte auf dem Juso-Kongress, wie sie auf dem Arbeitgebertag angeblich von „Herren im Maßanzug“ ausgelacht worden sei. Das mag zugespitzt gemeint gewesen sein – aber es ist eine Form der Rhetorik, die Fronten verhärtet, statt Brücken zu bauen.

Ein christlicher Gewerkschafter weiß:

Sozialpartnerschaft lebt von Respekt, nicht von Pauschalurteilen.

Wer Arbeitgeber pauschal als Blockierer darstellt, trägt nicht zur Lösung der Probleme bei. Die Realität ist vielschichtiger: Ja, es gibt harte Interessengegensätze – aber genauso viele Arbeitgeber, die verantwortungsvoll handeln und soziale Stabilität ernst nehmen.

Das Wegwischen dieser Differenz ist kein politischer Mut – es ist politische Fahrlässigkeit.

  1. Der zentrale Fehler: Bas vermittelt ein falsches Verständnis von Finanzierung

Besonders bedenklich ist jedoch der inhaltliche Kern ihrer Aussagen zur Rente.

Frau Bas betonte, die Finanzierung des Rentenniveaus müsse „solidarisch“ über Steuern erfolgen – und sprach so, als sei Geld ein unerschöpflicher Pool, der nur politisch „richtig verteilt“ werden müsse.

Aber: Steuern fallen nicht vom Himmel.
Sie werden von Arbeitnehmern UND Arbeitgebern erwirtschaftet. Und zwar aus echter Wertschöpfung, nicht aus politischen Wunschbildern.

Wenn eine Arbeitsministerin so redet, als stünden staatliche Mittel unabhängig von der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit zur Verfügung, dann zeigt das ein besorgniserregendes Missverständnis über die Grundlagen der sozialen Marktwirtschaft.

Ein christlicher Gewerkschafter darf klar sagen:
Soziale Gerechtigkeit entsteht nicht durch moralische Appelle alleine, sondern durch solide Finanzierung auf Basis realer Arbeit. 

  1. Bas ignoriert den Ursprung des Wohlstands – die Menschen, die ihn erwirtschaften

Es ist richtig und notwendig, die Interessen der Beschäftigten zu verteidigen.
Doch dazu gehört auch Ehrlichkeit:
Wenn Politik ständig neue „Solidarpakete“ schnürt, ohne klar zu benennen, wer sie am Ende bezahlt, verliert sie Vertrauen – gerade bei den Menschen, die täglich früh aufstehen, Steuern zahlen und die Wirtschaft am Laufen halten.

Arbeitgeber sind keine Feinde.
Arbeitnehmer sind keine Manövriermasse.
Staatliche Kassen sind keine Spardosen.

Dieser Dreiklang bildet die Balance, die Frau Bas in ihrer Rede leider verfehlt hat. 

  1. Kritik an Arbeitgebern ist legitim – aber nicht, wenn sie eigene Fehler verdecken soll

Statt über reale Finanzierungsprobleme der Rente zu sprechen, lenkt Bas den Blick auf angebliche Respektlosigkeit von Unternehmern.
Doch der Respektverlust beginnt dort, wo politische Verantwortungsträger selbst ausblenden, wie das System funktioniert, das sie verwalten sollen.

Wer wie Bas von steuerfinanzierter Rente spricht, ohne über Steuerbasis, Wirtschaftskraft, Fachkräftemangel oder Wettbewerbsfähigkeit zu sprechen, macht Gewerkschaftsarbeit schwieriger, nicht leichter.

Denn am Ende müssen wir als Gewerkschaften erklären, warum bestimmte Versprechen nicht haltbar sind.

  1. Ein christlicher Gewerkschafter erwartet Klarheit, Demut und Sachkunde

Christliche Sozialethik steht für Augenhöhe, Verantwortung und Wahrheit.
Dazu gehört:
✔ den Arbeitgeberverbänden auch harte Wahrheiten zu sagen – aber differenziert.
✔ die Lage der Rentenversicherung ehrlich zu erklären.
✔ zu wissen, woher Staatsgeld kommt und wer es erwirtschaftet.
✔ politische Führung zu zeigen, nicht politische Theaterdonner.

Frau Bas hat mit ihrer Rede diese Maßstäbe verfehlt. Nicht, weil sie sich für die Schwächeren eingesetzt hat – das ist richtig. Sondern weil sie das Vertrauen in die Kompetenz ihres Amtes beschädigt hat.

Wer soziale Sicherheit ernst meint, sollte weniger über „Maßanzüge“ reden – und mehr über tragfähige Lösungen.

Beurteilung und Stellungnahme des Christlichen Gewerkschaftsbundes (CGB) zur Diskussion um das aktuelle Rentenpaket der Bundesregierung

Das Rentenpaket ist aus Sicht des CGB ein  notwendiger Schritt zur sozialen Absicherung der Menschen in Deutschland. Der Christliche Gewerkschaftsbund (CGB) begrüßt die Initiative der Bundesregierung, die gesetzliche Rente zukunftssicher und sozial gerecht zu gestalten. Das jetzt diskutierte Rentenpaket ist ein wichtiger Beitrag zur Stärkung der sozialen Säule unseres Staates und sendet ein klares Signal der Verlässlichkeit an alle Generationen.

Wir als CGB treten der, von der Jungen Union und Teilen der politischen Öffentlichkeit verbreiteten Verunsicherung und Kritik,  entschieden entgegen. Die Behauptung einer beispiellosen Benachteiligung der jungen Generation durch das aktuelle Paket ist aus unserer Sicht übertrieben und in weiten Teilen aus der Luft gegriffen.

Jede Generation seit Einführung der umlagefinanzierten Rente stand vor spezifischen demografischen und wirtschaftlichen Herausforderungen. Die heute jungen Menschen profitieren von den Beiträgen der Elterngeneration und werden, ebenso wie frühere Generationen, ihren Teil zur Finanzierung der Renten leisten. Eine höhere Benachteiligung im Vergleich zu den Herausforderungen, die frühere Generationen bewältigen mussten, ist schlichtweg nicht gegeben.

Das Rentenpaket sichert das Rentenniveau und stabilisiert die Beiträge in einer Weise, die auch den künftigen Rentnerinnen und Rentnern eine verlässliche Basis bietet. Die getroffenen Entscheidungen sind ein Kompromiss, der die Lasten vertretbar auf die Schultern aller Beteiligten verteilt.

Für den CGB steht die Gerechtigkeit der Lebensleistung im Zentrum jeder Rentenreform. Menschen, die ihr gesamtes Leben lang hart gearbeitet und ihre Rentenbeiträge in die Solidargemeinschaft eingezahlt haben, verdienen eine Rente, die ihren Einsatz widerspiegelt und einen würdevollen Lebensstandard im Alter ermöglicht.

Die Maßnahmen der Bundesregierung, die das Rentenniveau stabilisieren, honorieren genau diesen lebenslangen Beitrag. Es ist zutiefst ungerecht, wenn langjährige Beitragszahler im Alter auf Grundsicherung angewiesen sind. Das aktuelle Paket wirkt dieser Ungerechtigkeit entgegen.

Wir als CGB fordern, dass die Ausgestaltung des Pakets sicherstellt, dass Brüche in der Erwerbsbiografie – etwa durch Pflege, Kindererziehung oder Krankheit – nicht zu einer dauerhaften Armutsfalle im Alter führen. Die Rente muss die Summe der Lebensleistung gerechter abbilden.

Das aktuelle Rentenpaket ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Es befriedet die Diskussion um das Rentenniveau und stärkt das Vertrauen in die gesetzliche Rente als zentrale Säule der Altersvorsorge.

Der CGB wird den weiteren Prozess konstruktiv begleiten und darauf achten, dass die Balance zwischen Generationengerechtigkeit, Beitragsstabilität und der Anerkennung der Lebensleistung dauerhaft gewährleistet bleibt.

 

Berlin, im November 2025

CGB Pressemitteilung: Wirtschaftliche Impulse und soziale Reformen

Sechs Monate neue Bundesregierung: CGB sieht verlangsamtes Tempo bei Sozialreformen und  Fordert die Umsetzung des „Deutschland-Pakts“ für die Beschäftigten

Nach sechs Monaten Regierungszeit unter Bundeskanzler Friedrich Merz zieht der Christliche Gewerkschaftsbund Deutschlands (CGB) ein differenziertes Fazit. Der CGB würdigt die eingeleiteten Wirtschaftsimpulse zur Stärkung des Standorts Deutschland, kritisiert aber das zögerliche Tempo und das noch mangelnde Engagement bei der konkreten sozialen Entlastung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

„Die Bundesregierung hat in den ersten sechs Monaten wichtige Weichen in der Wirtschafts- und Energiepolitik gestellt. Die klaren Signale für Investitionen und Bürokratieabbau sind erkennbar und finden unsere Zustimmung“, erklärt Henning Röders, Bundesvorsitzender des CGB. „Dies sind notwendige Schritte, um die Wettbewerbsfähigkeit in schwierigen Zeiten zu sichern. Allerdings beobachten wir mit Sorge, dass der soziale Ausgleich und die direkten Entlastungen für die hart arbeitenden Menschen noch nicht die Priorität erfahren haben, die sie angesichts von hoher Inflation und Lebenshaltungskosten verdienen.”, so Henning Röders weiter.

Der CGB sieht insgesamt eine verhalten positive Gesamtbilanz mit der deutlichen Mahnung, dass die soziale Flanke dringend gestärkt werden muss.

„Wir dürfen die soziale Gerechtigkeit nicht auf die lange Bank schieben, denn die soziale Frage spaltet die Gesellschaft mehr denn je. Der Arbeitnehmer ist nicht nur Kostenfaktor, sondern der zentrale Leistungsträger unseres Wohlstands in Deutschland. Wir brauchen eine Politik, die Wachstum und die Menschen gleichermaßen in den Vordergrund stellt, ohne sie gegeneinander auszuspielen.“, ergänzt der Generalsekretär Christian Hertzog.

Der CGB fordert die Bundesregierung auf, ihren wirtschaftlichen Fokus durch konsequente soziale Maßnahmen zu ergänzen und den „Deutschland-Pakt“ auf die Bedürfnisse der Arbeitnehmer auszuweiten. Dazu ist die Anpassung der Steuerpolitik an die realen Belastungen der Arbeitnehmer überfällig. Wir als CGB fordern die rückwirkende und zügige Beseitigung der kalten Progression im Jahr 2025 sowie die Einführung eines progressiven Inflationsausgleichs, der die Kaufkraft der Löhne nachhaltig sichert.

Die Sozialpartnerschaft ist seit dem Bestehen der Bundesrepublik Deutschland das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Deren Wertschätzung muss über Rhetorik hinausgehen. Die Regierung muss die Tarifautonomie durch erweiterte Allgemeinverbindlichkeit und die Anerkennung von Gewerkschaftspluralismus stärken. Außerdem muss die Rolle der Betriebsräte insbesondere bei Fragen der Transformation, etwa wie KI-Einführung oder Qualifizierung,  gesetzlich ausgebaut werden.

Der CGB wird die weitere Entwicklung der Legislaturperiode genau beobachten. „Die Richtung stimmt wirtschaftlich, aber das Tempo im Sozialen ist zu niedrig. Wir fordern Kanzler Merz und sein Kabinett auf, die Zeit jetzt für einen sozialen Kraftakt zu nutzen, der den Fleiß und das Engagement der Beschäftigten honoriert“, erklärt Henning Röders.

 

Warum Gewerkschaften echte Nachhaltigkeit statt Greenwashing brauchen

Moin! Neulich auf einer Betriebsversammlung: Die Geschäftsführung präsentiert stolz die neue „Nachhaltigkeitsstrategie“ – bunte Folien, CO2-Kompensationen irgendwo in Südamerika, ein paar Recycling-Tonnen mehr. Die Kolleginnen und Kollegen? Applaudieren pflichtschuldig. Die Gewerkschaft? Nickt zustimmend. Und ich denke: Moment mal, ist das wirklich unser Job? 

Der Elefant im Raum

Lassen wir uns nichts vormachen: Wenn Gewerkschaften auf den Nachhaltigkeitszug aufspringen, ohne genau hinzuschauen, machen wir uns zu nützlichen Idioten des Greenwashings. Wir legitimieren dann mit unserem guten Namen Maßnahmen, die vor allem eins sind – gutes Marketing. Dabei haben wir als Gewerkschaften eine verdammt wichtige Aufgabe, wenn es um echte Transformation geht. 

Was ist denn eigentlich „vernünftige“ Nachhaltigkeit?

Vernünftige Nachhaltigkeit aus gewerkschaftlicher Sicht bedeutet: Sie muss die Beschäftigten mitnehmen, nicht zurücklassen. Sie schafft gute, sichere Arbeitsplätze in zukunftsfähigen Branchen oder macht die Branche zukunftssicher. Sie bedeutet Weiterbildung statt Entlassung. Sie heißt Mitbestimmung bei der Transformation, nicht Pressemitteilungen nach vollendeten Tatsachen.

Blanker Aktionismus dagegen? Das sind die symbolischen Papiertüten im Supermarkt, während die Lieferketten weiter fragwürdig bleiben und Biosiegel selbst gestaltet werden können und „regional“ bis 500 km bedeutet. Das sind Elektro-Dienstwagen für die Führungsetage, während noch gute Lebensmittel weiter klimaschädlich entsorgt werden müssen. Das ist die „klimaneutrale“ Versandoption beim Online-Händler, der seine Paketboten zu Hungerlöhnen beschäftigt. 

Der Just-Transition-Imperativ

Wir stehen vor der größten Transformation der Arbeitswelt seit der Industrialisierung. Branchen verschwinden, neue entstehen. Wer jetzt nicht aufpasst, erlebt ein Déjà-vu des Strukturwandels der 90er Jahre – nur in Grün. Dann heißt es wieder: „Tut uns leid, aber der Markt, die Klimaziele, ihr versteht schon…“

Echte gewerkschaftliche Nachhaltigkeitspolitik stellt unbequeme Fragen:

  • Wer zahlt für den Umbau – die Beschäftigten oder die Profiteure jahrzehntelanger umweltschädlicher Geschäftsmodelle?
  • Welche Qualifikationen brauchen Beschäftigte für „grüne“ Jobs, und wer finanziert die Weiterbildung?
  • Wie sichern wir gute Arbeitsbedingungen in neuen „grünen“ Branchen – oder wiederholen wir die Fehler der Plattformökonomie?
  • Warum sollen Beschäftigte Verzicht üben, während Konzerne weiter nur „greenwashed“ weitermachen wie bisher? 

Greenwashing erkennen und bekämpfen

Gewerkschaften haben die Kompetenz und die Position, echte von falscher Nachhaltigkeit zu unterscheiden. Wir sitzen in Aufsichtsräten, Betriebsräten, an Verhandlungstischen. Wir können nachprüfen, ob hinter den grünen Versprechen echte Veränderung oder nur PR steckt.

Ein Beispiel: Ein Unternehmen feiert seine „klimaneutrale Produktion“. Man schaut genauer hin und fragt: Wurde tatsächlich CO2 eingespart oder nur kompensiert? Wurden die Emissionen outgesourct? Welche sozialen Standards gelten in der Lieferkette? Wurden Beschäftigte in die Planung einbezogen? Entstehen durch Automatisierung und K.I. neue Gefährdungen? 

Die soziale Dimension der Nachhaltigkeit

Hier liegt der Kern gewerkschaftlicher Verantwortung: Nachhaltigkeit ist kein rein ökologisches Projekt. Die UN-Nachhaltigkeitsziele umfassen gute Arbeit, faire Löhne, Geschlechtergerechtigkeit. Wenn wir zulassen, dass „Nachhaltigkeit“ auf CO2-Bilanzen reduziert wird, während Arbeitsrechte geschleift werden, haben wir versagt.

Die Solarbranche in Deutschland ist ein warnendes Beispiel. Grüne Technologie, subventioniert mit Milliarden – aber am Ende in Billiglohnländer ausgelagert, weil niemand für gute Arbeitsbedingungen gekämpft hat. Das darf uns bei Windkraft, Batterieproduktion und Wasserstoff nicht noch einmal passieren. 

Was Gewerkschaften jetzt tun müssen

Erstens: Expertise aufbauen. Wir brauchen gewerkschaftliche Nachhaltigkeitsexpertinnen, die mitverhandeln können, wenn es um Transformationspfade geht.

Zweitens: Rote Linien ziehen. Keine Zustimmung zu Nachhaltigkeitsstrategien ohne verbindliche Beschäftigungssicherung, Qualifizierung und Mitbestimmung.

Drittens: Kritischen Dialog fördern mit Arbeitgeberverbänden, Politikern, Umweltverbänden, Klimabewegung, Sozialorganisationen – aber auf Augenhöhe und mit klaren sozialen Forderungen.

Viertens: Den Diskurs nicht überlassen. Wenn wir nicht definieren, was gerechte Transformation bedeutet, tun es andere – meist nicht in unserem Sinne. 

Das Fenster schließt sich

Die kommenden Jahre entscheiden, ob die ökologische Transformation sozial gerecht gelingt oder auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen wird. Gewerkschaften, die jetzt für billigen Aktionismus applaudieren, werden später nichts mehr zu verhandeln haben. Die Weichen werden jetzt gestellt.

Deshalb: Schluss mit dem grünen Feigenblatt. Gewerkschaften müssen unbequem sein, nachfragen, nachrechnen, nachhaken. Wir sind keine Abteilung der Unternehmenskommunikation. Wir vertreten die Interessen derer, die morgens zur Arbeit gehen – und das auch in zwanzig Jahren noch tun wollen, unter guten Bedingungen, in einer lebenswerten Umwelt.

Das ist echte Nachhaltigkeit. Alles andere ist Folklore.

 

Harm Marten Wellmann

 

 

„Vielfalt predigen, Monopol leben“

Manchmal fragt man sich, ob Gewerkschaften wirklich für die Menschen kämpfen, die sie vertreten sollen – oder eher für sich selbst.

Besonders die großen Einheitsgewerkschaften im DGB – ver.di, IG Metall, IG BCE, GEW, NGG, EVG, IG BAU – predigen stolz Werte wie Vielfalt, Mitbestimmung und Demokratie. Doch wer genau hinsieht, merkt: Vieles davon gilt nur, solange es das eigene Monopol nicht stört.

Stellen Sie sich vor: Sie wollen ihre Arbeit, ihre Stimme und ihre Rechte über eine Gewerkschaft vertreten lassen. Doch die Tür, die Ihnen offenstehen sollte, wird zugeschlagen. Nicht weil Ihre Anliegen nicht ernst genommen werden – sondern weil Sie nicht Teil des großen Apparats sind. Kleine oder alternative Gewerkschaften werden skeptisch beäugt, meistens sogar aktiv abgewehrt und angegangen. Vielfalt? Ja, bitte – nur nicht vor der eigenen Haustür. 

Warum? Ganz einfach: Mitglieder sind Macht. Wer viele Mitglieder hat, hat Einfluss – auf Tarifverträge, Politik und Öffentlichkeit. Jede neue Gewerkschaft, die Mitglieder gewinnt, schränkt diese Macht ein. Da kann das Prinzip der Tarifeinheit noch so gut klingen – hinter der juristischen Fassade steckt oft das gleiche Kalkül wie bei jedem Konzern: Kontrolle behalten, Konkurrenz ausschalten. 

Und während diese Einheits-Gewerkschaften offiziell von Mitbestimmung sprechen, erleben Beschäftigte im Alltag oft das Gegenteil: Entscheidungen werden zentral getroffen, politische Kontakte gepflegt und Tarifprozesse gesteuert – alles ohne echte Mitwirkung und Mitbestimmung der Basis. Wer versucht, das zu ändern, gilt schnell als Störenfried. 

Dabei wäre Konkurrenz ein Gewinn für uns alle. Mehr Gewerkschaften bedeuten: Mehr Wahlmöglichkeiten, mehr Anpassung an die Realität einzelner Branchen, mehr Druck auf die Apparate, die sich sonst bequem auf ihrem Monopol ausruhen. Stattdessen sehen wir, wie ein Ideal – Demokratie und Vielfalt – eher als Schutzmechanismus für den eigenen Machtbereich genutzt wird.

Man muss das nicht kompliziert machen: Gewerkschaften sind für die Menschen da, nicht für ihre eigene Vormachtstellung. Wenn Vielfalt ein Wert ist, dann darf sie nicht am eigenen Zaun enden.

 

Fazit: Wir brauchen Gewerkschaften, die nicht nur predigen, sondern wirklich zuhören. Die Vielfalt zulassen, ohne Angst vor Konkurrenz.

Die Demokratie leben – in jedem Betrieb, in jeder Branche, für jede Stimme.

 

Nur so werden Gewerkschaften wieder das, was sie eigentlich sein sollten: Partner der Beschäftigten, nicht Hüter eines Monopols.

 

Harm Marten Wellmann

Ein Rat an die jungen Leute: Warum ihr euch organisieren solltet – und zwar jetzt Eine Kolumne

Ein Rat an die jungen Leute: Warum ihr euch organisieren solltet – und zwar jetzt-Eine Kolumne

„Gewerkschaft? Das ist doch was für meine Eltern.“ Diesen Satz höre ich ständig. Von gut ausgebildeten Berufseinsteigern, von Azubis, von Freelancern in hippen Co-Working-Spaces. Und jedes Mal denke ich: Genau deshalb seid ihr die Verlierer der Zukunft.

Klingt hart? Ist aber so. Schauen wir uns mal an, wie die Arbeitswelt gerade läuft.

Die Märchenstunde ist vorbei

Erinnert ihr euch noch an die Versprechen? „Fachkräftemangel“, hieß es. „Ihr könnt euch die Jobs aussuchen!“ „New Work“ würden wir machen, mit Obstkorb, Tischkicker und „flachen Hierarchien“. Die Realität sieht anders aus.

Befristete Verträge als Standard. Probezeiten, die sich anfühlen wie Dauerbewerbungsgespräche. Überstunden, die selbstverständlich erwartet werden – unbezahlt natürlich, weil „wir sind doch ein Team“. Home-Office-Pflicht wurde zur „Erreichbarkeit rund um die Uhr“. Und die Gehaltsverhandlung? „Tut uns leid, aber das Budget, du verstehst…“

Willkommen in der Realität. Willkommen dort, wo eure Großeltern schon waren – nur dass die sich gewehrt haben. 

Der größte Trick des Systems

Das Geniale am modernen Arbeitsmarkt ist: Man hat euch eingeredet, ihr seid alle Einzelkämpfer. „Entrepreneur deines eigenen Lebens.“ „Personal Branding.“ „Networking statt Solidarität.“ Jeder kämpft für sich, optimiert seinen Lebenslauf, seine Skills, sein LinkedIn-Profil.

Und während ihr individuell verhandelt, sitzt auf der anderen Seite eine Rechtsabteilung, eine HR-Abteilung, ein Vorstand – hochorganisiert, mit klarer Strategie. Ihr kommt einzeln, sie kommen als Konzern. Merkt ihr, wie unfair dieses Spiel ist?

„Aber ich brauche doch keine Gewerkschaft“

Klar. Du hast einen guten Job, ordentliches Gehalt, machst dein Ding. Wozu organisieren? Drei Gründe:

  • Erstens: Deine Situation ist fragiler als du denkst. Eine Umstrukturierung, ein neuer Chef, eine Krise – und plötzlich bist du verhandelbar. Dann ist es verdammt praktisch, wenn nicht nur dein Anwalt, sondern eine ganze Organisation hinter dir steht.
  • Zweitens: Alleine kriegst du die großen Sachen nicht durch. Vier-Tage-Woche? Mehr Gehalt? Bessere Arbeitsbedingungen? Klar kannst du individuell verhandeln – wenn du Glück hast, kriegst du ein bisschen mehr. Aber echte Veränderung? Die passiert nur kollektiv. Die 40-Stunden-Woche, die 35-Stunden-Woche, Urlaubsanspruch, Kündigungsschutz – nichts davon wurde erbettelt. Es wurde erkämpft.
  • Drittens: Die Spielregeln werden gerade neu geschrieben. KI ersetzt Jobs. Plattformökonomie höhlt Arbeitsrechte aus. Klimatransformation verändert ganze Branchen. Glaubst du ernsthaft, die Unternehmen fragen dich, wie das ablaufen soll? Nur wenn du organisiert bist, hast du eine Stimme, wenn die Zukunft deiner Arbeit verhandelt wird. 

Aber Gewerkschaften sind doch veraltet“

Sind sie. Teilweise. Viele Gewerkschaften haben den Anschluss an die Realität junger Beschäftigter verpasst. Zu langsam, zu bürokratisch, zu sehr auf Industriejobs fokussiert.

Aber wisst ihr was? Das ändert sich nur, wenn ihr mitmacht. Wenn ihr reingeht und sagt: „Das muss anders laufen.“ Organisationen verändern sich durch die, die mitmachen – nicht durch die, die draußen meckern.

Übrigens: Es gibt längst Vorbilder für moderne Gewerkschaftsarbeit, beispielsweise in den USA, Organizing-Kampagnen bei Lieferdiensten, bei Starbucks, bei Amazon, in der Games-Industrie, bei Startups. Junge Leute, die sich nicht alles gefallen lassen wollen und verstanden haben: Gemeinsam sind wir stärker.

Die Rechnung ist einfach

Ein Gewerkschaftsbeitrag kostet dich – je nach Einkommen – zwischen 10 und 90 Euro im Monat. Bei der DHV z.B. nur maximal 25 Euro. Dafür kriegst du:

  • Rechtsschutz im Arbeits- und Sozialrecht
  • Ggfs. Tarifverhandlungen, die mehr rausholen als du alleine jemals könntest
  • Rückendeckung, wenn du Missstände ansprichst
  • Weiterbildungen, Beratung, Netzwerk
  • Eine Stimme in Betriebsräten und Aufsichtsräten
  • Die Gelegenheit mitzuwirken und zu gestalten…
  • Das gute Gefühl sich nicht nur für Dich selbst, sondern auch für andere einzusetzen

Eine einzige erfolgreiche Gehaltsverhandlung, die durch Tarif- oder Kollektivvertrag abgesichert ist, holt die Beiträge von Jahren wieder rein. Rechtsschutz bei einer ungerechtfertigten Kündigung sowieso. Finanziell ist das also ein No-Brainer. 

Die unbequeme Wahrheit

Eure Generation erbt einen Arbeitsmarkt, der prekärer ist als der eurer Eltern. Weniger Festanstellungen, mehr Befristungen, weniger Rente, höhere Lebenshaltungskosten und Konkurrenz durch Künstliche Intelligenz. Die einzige Antwort darauf ist: Organisation.

Und nein, ich rede nicht von Revolution. Ich rede von verdammt pragmatischer Interessenvertretung. Davon, dass ihr euch nicht einzeln über den Tisch ziehen lasst. Davon, dass ihr mitentscheidet, wie Arbeit in Zukunft aussieht.

Was jetzt zu tun ist

Hört auf, euch als „noch nicht wirklich angekommen“ zu sehen. Ihr seid die Arbeitswelt von heute. Ihr habt die gleichen Rechte wie alle anderen – aber die muss man auch durchsetzen.

Schaut euch an, welche Gewerkschaft für euren Bereich zuständig ist. Geht zu einem Treffen, zu einer Veranstaltung. Redet mit Kolleginnen und Kollegen. Gründet einen Betriebsrat, wenn es keinen gibt.

Und ja, das kostet Zeit. Ja, das ist manchmal nervig. Aber wisst ihr, was nerviger ist? Mit 50 rauszufliegen und zu merken, dass du alleine ziemlich machtlos bist. Oder mit 30 zu merken, dass du für Arbeit ausgebeutet wirst, die andere reich macht, während du gerade so über die Runden kommst.

Der Deal

Die Gewerkschaften brauchen euch – dringend. Neue Perspektiven, digitale Kompetenz, Verständnis für moderne Arbeitsformen. Aber ihr braucht sie auch. Denn eines ist sicher: Die Unternehmen organisieren sich. Die Lobbys organisieren sich. Die Arbeitgeberseite ist hochorganisiert einflussreich.

Wenn ihr das nicht auch seid, habt ihr schon verloren.

Also: Organisiert euch. Nicht aus Nostalgie. Nicht aus Ideologie. Sondern weil es das Vernünftigste ist, was ihr für eure berufliche Zukunft tun könnt.

Geschrieben von jemandem, der möchte, dass ihr in 20 Jahren nicht bereut, euch nicht gewehrt zu haben.

 

H&M-Filiale in Nürnberg schließt – Beschäftigte vor unzumutbarer Situation

DHV: Vorgehen der Geschäftsführung ist moralisch nicht vertretbar

Nürnberg – Die bevorstehende Schließung der H&M-Filiale in der Nürnberger Innenstadt setzt die Beschäftigten massiv unter Druck. Erst im Mai 2024 war ein weiteres Geschäft derselben Kette in unmittelbarer Nähe eröffnet worden, doch die Mitarbeitenden des alten Standorts sollen nicht automatisch übernommen werden. Stattdessen sollen sie sich auf neue Stellen am anderen Standort bewerben, allerdings zu veränderten Konditionen und ohne jede Garantie einer Anstellung. Viele Betroffene arbeiten seit Jahrzehnten für das Unternehmen, das ihnen nun faktisch die berufliche Zukunft entzieht.

Die DHV – Die Berufsgewerkschaft – bewertet dieses Vorgehen als bewusst kalkuliert und moralisch nicht vertretbar. Nach ihrer Einschätzung handelt die Geschäftsführung auf Kosten der langjährigen Beschäftigten, deren Einsatz und Loyalität die Basis des Unternehmens bilden. Es sei unzumutbar, Mitarbeitende nach jahrelanger Betriebszugehörigkeit vor die Wahl zu stellen, entweder völlig unsichere Perspektiven zu akzeptieren oder Arbeitsbedingungen zu übernehmen, die weit unter den bisherigen Standards liegen.

Die psychische Belastung der Belegschaft ist erheblich, da viele Mitarbeitende älter sind und gesundheitliche Probleme haben. Für diese Personen sei es fast unmöglich, alternative Arbeitsplätze zu finden. Zugleich liegen die angebotenen Stellen teilweise weit entfernt, obwohl erst vor kurzem eine neue H&M-Filiale in Nürnberg eröffnet hat, oder erfordern Arbeitszeitmodelle, die insbesondere alleinerziehende Mitarbeitende kaum vereinbaren können.

Aus Sicht der DHV verfolgt die Geschäftsführung eine berechnende Strategie, die darauf abzielt, Mitarbeitende, die nicht flexibel genug sind, auszusondern und gleichzeitig die Bedingungen für die verbleibenden Beschäftigten zu verschlechtern. Wirtschaftsexperten bestätigen, dass solche Methoden zwar rechtlich schwer angreifbar sein können, moralisch jedoch nicht zu rechtfertigen sind. Es handele sich um eine bewusste Benachteiligung älterer Mitarbeitender oder solcher mit gesundheitlichen Einschränkungen, die auf ein systematisches Kalkül der Unternehmensleitung hindeutet.

H&M begründet das Fehlen eines Sozialplans damit, dass die Vorstellungen von Arbeitgeberseite und Betriebsrat zu weit auseinanderlägen, und verweist darauf, dass gesetzliche Vorgaben eingehalten würden und Mitarbeitende sich auf offene Stellen bewerben könnten. Die DHV weist jedoch darauf hin, dass gesetzliche Korrektheit allein moralische Verantwortung nicht ersetzt und dass wirtschaftliche Interessen nicht über die Würde und die Existenz der Beschäftigten gestellt werden dürfen.

Für die DHV bleibt die Situation ein klarer Beleg dafür, dass die Geschäftsführung von H&M skrupellos und verantwortungslos handelt, indem sie langjährige Mitarbeitende unter Druck setzt, um sich betriebliche Vorteile zu verschaffen, während sie die soziale Verantwortung völlig außer Acht lässt. Dieses Vorgehen ist nicht nur symptomatisch in Nürnberg, sondern auch an anderen Standorten der Kette H&M zu verfolgen.